Spirituosen und Alkohol

Wie lange war Absinth in den USA verboten? Die Geschichte des grünen Feen

Lukas Engelhardt

Lukas Engelhardt

Wie lange war Absinth in den USA verboten? Die Geschichte des grünen Feen

Stell dir vor, du bist im Jahr 1915. Du versuchst, ein Glas jener legendären, grünen Flüssigkeit zu bestellen, die Künstler wie Van Gogh oder Schriftsteller wie Oscar Wilde berühmt gemacht hat. Der Kellner schüttelt den Kopf. Es ist unmöglich. Absinth, die sogenannte „Grüne Fee“, existiert in den Vereinigten Staaten nicht mehr. Doch warum genau wurde dieses Getränk verboten, und wie lange dauerte diese Verbotszeit tatsächlich an?

Die kurze Antwort lautet: Das Verbot hielt fast 80 Jahre an. Aber die Wahrheit dahinter ist viel spannender als nur eine Zahl auf dem Kalender. Es geht um Panikmache, um politische Intrigen und um einen der größten Irrtümer in der Geschichte der Lebensmittelregulierung.

Kurzfassung: Die wichtigsten Fakten

  • Verbotsdauer: Absinth war in den USA von 1912 bis 1971 (de facto) bzw. 2007 (offiziell bundesweit legalisiert) verboten - also etwa 95 Jahre.
  • Hauptgrund: Nicht der Alkoholgehalt allein, sondern die Angst vor Thujon und der Ruf als „Gift“.
  • Wendejahr: 1971 hob das Bundesgerichtshof-Urteil in Lichter v. Board of Trustees das Verbot für thujonfreie Varianten auf.
  • Heutiger Status: Seit 2007 ist Absinth wieder voll legal, solange er unter bestimmten Thujon-Grenzwerten bleibt.

Der Aufstieg der Grünen Fee

Um das Verbot zu verstehen, müssen wir zuerst schauen, wie populär Absinth überhaupt war. Im späten 19. Jahrhundert war Absinth das Lieblingsgetränk der Pariser Bohème. Er war billig, stark (oft zwischen 60% und 74% Alkohol) und hatte diesen einzigartigen Anisgeschmack.

In den USA erlebte das Getränk seinen Boom während des Prohibitions-Booms der 1890er Jahre. Vor der totalen Alkoholverbote waren Bier und Wein schon teuer geworden, aber Absinth blieb günstig. Man trank ihn mit Wasser verdünnt („dilution“), was ihm seine milchige Trübung gab - das berühmte „L’Heure Verte“ (die grüne Stunde). Für viele Arbeiter war es das einzige bezahlbare Mittel, den Tag zu vergessen.

Absinth ist ein aus Wermut und anderen Kräutern destilliertes alkoholhaltiges Getränk, das traditionell durch Zugabe von süßem Anis und Fenchel aromatisiert wird. Ursprünglich in der Schweiz entwickelt, fand er seinen Weg nach Frankreich und später in die USA.

Die Kampagne gegen den Teufels-Trank

Doch dann kam die Wende. Ende des 19. Jahrhunderts begann eine massive Hetzkampagne gegen Absinth. Wer stand dahinter? Überraschenderweise nicht die Temperance-Bewegung (die gegen Alkohol im Allgemeinen war), sondern die großen Spirituosenkonzerne wie John D. Rockefellers Standard Oil und die Produzenten von Gin und Bourbon.

Warum? Weil Absinth ihnen den Markt wegnahm. Also starteten sie eine PR-Kampagne, die Absinth mit Wahnsinn, Gewalt und moralischem Verfall verknüpfte. Berühmt wurde der Fall Jean Lanfray, der 1905 seine Familie erschoss und sich selbst tötete. Die Presse titelte: „Getränkt vom Gift“. Dabei ignorierten sie, dass Lanfray auch andere starke Getränke konsumiert hatte.

Ein weiterer Schlachtruf war das Wort „Thujon“. Dieser Wirkstoff aus dem Wermutkraut (Artemisia absinthium) wurde als das eigentliche Gift dargestellt, das Nervenschäden verursachte. In Wirklichkeit waren die Mengen in historischen Flaschen oft vernachlässigbar klein, aber die Angst war real.

Satirische Illustration der Industriellen-Kampagne gegen Absinth im frühen 20. Jahrhundert

Das Verbot beginnt: 1912-1915

Die USA reagierten schnell. Bereits 1912 verabschiedete der Kongress den Pure Food and Drug Act, der die Einfuhr von Absinth verbietete. Allerdings war das Gesetz lückenhaft. Viele Händler importierten Absinth weiterhin unter falschen Bezeichnungen oder als „Medizin“.

Erst mit dem Volstead Act von 1919, der die nationale Prohibition durchsetzte, wurde das Verbot wirklich strikt. Da Absinth hochprozentig war, fiel er automatisch unter das Alkoholverbot. Von nun an war es illegal, Absinth herzustellen, zu verkaufen oder zu besitzen. Wer erwischt wurde, riskierte hohe Geldstrafen oder sogar Gefängnis.

Zeitleiste des Absinth-Verbots in den USA
Jahr Ereignis Bedeutung
1912 Pure Food and Drug Act Importverbot für Absinth
1915 Vollzug verschärft Absinth praktisch vom Markt verschwunden
1919 Volstead Act (Prohibition) Totales Verbot aller hochprozentigen Getränke
1933 Ende der Prohibition Alkohol legal, aber Absinth bleibt speziell verboten
1971 Lichter v. Board of Trustees Federal Court hebt Verbot für thujonfreien Absinth auf
2007 TFFCMA Änderungen Bundesweite Legalisierung mit klaren Thujon-Limits

Die langen Jahre des Schweigens (1915-1971)

Nach dem Ende der allgemeinen Prohibition 1933 wurden Bier, Wein und Whiskey wieder legal. Aber Absinth? Nein. Er blieb eine Ausnahme. Warum? Weil das spezifische Verbot aus den 1910er Jahren nie aufgehoben worden war. Die Behörden hielten am alten Narrativ fest: Absinth sei gefährlich wegen des Thujons.

In diesen fast 60 Jahren wurde Absinth in den USA zur Legende. Keine neuen Generationen konnten ihn probieren. Stattdessen wuchs der Mythos. Bücher und Filme stilisierten ihn zum Getränk der verrückten Künstler. In Europa hingegen war Absinth in vielen Ländern immer noch erhältlich, wenn auch streng reguliert. Touristen brachten manchmal heimlich Flaschen mit, was das Verlangen weiter befeuerte.

Interessant ist, dass das Verbot nicht überall gleich streng war. Einige Bundesstaaten hatten eigene Gesetze, die noch restriktiver waren als das Bundesrecht. Andere waren lockerer, solange man behauptete, es handle sich um ein medizinisches Präparat.

Der Wendepunkt: 1971 und das Lichter-Urteil

Das änderte sich 1971. Ein Unternehmen namens "Lichter" klagte gegen das Verbot. Sie argumentierten, dass modernes Wissen über Thujon zeigte, dass die Mengen in kommerziellem Absinth nicht gesundheitsschädlich sind, solange sie unter einem bestimmten Grenzwert liegen.

Der Bundesgerichtshof stimmte zu. In dem Urteil Lichter v. Board of Trustees of the University of Illinois (obwohl der Fall eigentlich aus Illinois stammte, hatte er nationale Auswirkungen) wurde festgestellt, dass das Verbot verfassungswidrig sei, wenn es auf falschen wissenschaftlichen Annahmen beruhte. Ab jetzt durften Hersteller Absinth produzieren, solange er „thujonfrei“ war.

Doch Vorsicht: „Thujonfrei“ bedeutete nicht, dass gar kein Thujon enthalten sein durfte. Es gab keine einheitlichen bundesweiten Grenzwerte. Jeder Staat konnte selbst entscheiden. Das führte zu einer chaotischen Situation. Manche Hersteller lieferten Produkte mit minimalen Spuren, andere wagten es kaum, das Wort „Absinth“ zu verwenden.

Kontrast zwischen verbotener Vintage-Flasche und modernem, legalem grünen Absinth

Von 1971 bis 2007: Eine graue Zone

Zwischen 1971 und 2007 befand sich Absinth in einer rechtlichen Grauzone. Technisch war er nicht mehr bundeseinheitlich verboten, aber auch nicht klar geregelt. Viele Bars servierten „Absinth-Style“-Liköre, die wenig mit dem Original zu tun hatten - oft nur Anisschnaps mit Farbstoff.

Erst 2007 brachte der Tea and Coffee Improvement and Marketing Act (TFFCMA) Klarheit. Dieses Gesetz legte erstmals bundesweite Grenzwerte für Thujon fest:

  • Bis zu 10 mg/kg Thujon: Vollständig als Absinth etikettierbar.
  • 10-35 mg/kg: Als Absinth verkaufbar, aber mit Warnhinweis.
  • Über 35 mg/kg: Streng verboten.
Damit war der Weg frei für eine echte Renaissance. Heute findest du in gut sortierten Spirituoshändlern und Bars wieder hochwertige, handgefertigte Absinthe, die nahe am historischen Geschmack liegen.

Wie lange war Absinth also wirklich verboten?

Wenn wir die Zeit von 1912 (Importverbot) bis 2007 (klare bundesweite Legalisierung) nehmen, dann waren es 95 Jahre. Wenn wir das Jahr 1915 nehmen, als das Verbot praktisch vollständig durchgesetzt wurde, bis 2007, dann sind es 92 Jahre.

Aber wenn wir das Urteil von 1971 als echten Wendepunkt sehen, wo thujonfreier Absinth wieder erlaubt war, dann war das strenge Verbot nur 56 Jahre lang (1915-1971). Danach folgte eine Phase der Unsicherheit und partiellen Legalisierung.

Es kommt darauf an, wie man „verboten“ definiert. War es verboten, ihn zu trinken? Ja, bis 1971. War es verboten, ihn zu kaufen? Teilweise ja, bis 2007. War es verboten, ihn herzustellen? Bis 1971 definitiv, danach mit Einschränkungen.

Warum ist das heute noch relevant?

Weil die Geschichte des Absinth-Verbots ein klassisches Beispiel dafür ist, wie Mythen und Politik Wissenschaft übertönen können. Die Angst vor Thujon war unbegründet, doch sie reichte aus, um ein ganzes Kulturphänomen für fast ein Jahrhundert zu tilgen.

Heute wissen wir, dass moderater Konsum von Absinth sicher ist - solange die Thujon-Gehalte innerhalb der gesetzlichen Grenzen bleiben. Die „Grüne Fee“ ist zurück, nicht als teuflischer Trank, sondern als komplexes, würziges Destillat, das seine eigene Nische gefunden hat.

Wenn du also das nächste Mal ein Glas Absinth bestellst, denk daran: Du trinkst nicht nur Alkohol, sondern auch Geschichte. Eine Geschichte von Unterdrückung, Widerstand und schließlich Freiheit.

Warum wurde Absinth in den USA verboten?

Absinth wurde hauptsächlich wegen der Angst vor dem Inhaltstoff Thujon verboten, der fälschlicherweise als Ursache für Wahnsinn und Gewalt galt. Hinzu kamen wirtschaftliche Interessen großer Spirituosenkonzerne, die Absinth als Konkurrenten sahen, sowie die allgemeine Moralpanik der damaligen Zeit.

Ist Absinth heute in den USA legal?

Ja, seit 2007 ist Absinth in den USA bundesweit legal, solange der Thujongehalt unter 35 mg/kg liegt. Produkte mit weniger als 10 mg/kg dürfen ohne Warnhinweis verkauft werden.

Was ist Thujon und ist es gefährlich?

Thujon ist ein Bestandteil des Wermutkrauts. In hohen Dosen kann es neurotoxisch wirken, aber die Mengen in handelsüblichem Absinth sind so gering, dass sie bei normalem Konsum keine Gesundheitsrisiken darstellen. Die historische Angst vor Thujon war übertrieben.

Wie lange dauerte das Absinth-Verbot genau?

Das strenge Verbot dauerte von etwa 1915 bis 1971 (56 Jahre). Danach gab es eine Übergangsphase bis zur vollständigen Legalisierung 2007. Insgesamt war Absinth also rund 90-95 Jahre lang effektiv nicht verfügbar.

Gibt es Unterschiede zwischen historischem und modernem Absinth?

Ja, moderner Absinth muss bestimmte Thujon-Grenzwerte einhalten, während historischer Absinth oft höhere Werte hatte. Zudem variiert die Rezeptur je nach Hersteller. Viele moderne Versionen versuchen jedoch, den traditionellen Geschmack und die Zubereitungsmethode (mit Eiswasser verdünnen) zu erhalten.