Thujon ist kein Stoff, den du täglich auf dem Markt findest. Es taucht nur in wenigen Getränken und Kräutern auf - und Absinth ist das bekannteste davon. Viele denken, Absinth sei ein gefährliches, berauschendes Gift, das schon im 19. Jahrhundert Künstler und Dichter in den Wahnsinn trieb. Doch was ist dran an der Angst, sich mit Thujon zu vergiften? Kann man wirklich eine Überdosis bekommen? Und warum redet niemand mehr davon?
Was ist Thujon und wo kommt es her?
Thujon ist ein natürliches ätherisches Öl, das in einigen Pflanzen vorkommt - vor allem in Wermut (eine Pflanzenart mit dem wissenschaftlichen Namen Artemisia absinthium). Wermut ist der Hauptbestandteil von Absinth, zusammen mit Anis und Fenchel. Der Thujongehalt in echtem Absinth ist aber extrem gering: typischerweise zwischen 1 und 35 Milligramm pro Liter. Das ist weniger als in einer Tasse Tee aus Wermutblättern.
Thujon wirkt auf das zentrale Nervensystem. In hohen Dosen kann es Krampfanfälle auslösen. Aber: du müsstest Unmengen davon trinken, um das zu erreichen. Ein Mensch bräuchte mindestens 100 Milligramm Thujon auf einmal, um eine akute Vergiftung zu riskieren. Das wäre gleichbedeutend mit dem Konsum von über 3 Liter reinem Absinth in kurzer Zeit - und das, obwohl du vorher schon an der Alkoholvergiftung sterben würdest.
Die Mythen um Absinth
Im 19. Jahrhundert wurde Absinth als "grüne Fee" verherrlicht - und als gefährliche Droge verdammt. Künstler wie Oscar Wilde, Baudelaire und Verlaine sollen durch Absinth zu Visionen gekommen sein. Die Presse berichtete von Wahnsinn, Selbstmorden und Gewalttaten, die angeblich durch Thujon verursacht wurden. Doch diese Geschichten waren oft übertrieben oder erfunden.
Ein entscheidender Faktor wurde ignoriert: Absinth enthielt damals oft viel mehr Alkohol als heute - bis zu 70 Prozent. Das war kein Thujon-Problem, das war ein reiner Alkoholproblem. Außerdem wurde Absinth oft mit minderwertigen Zusatzstoffen gestreckt, die Schwermetalle oder andere Giftstoffe enthielten. Die tatsächlichen Vergiftungen kamen nicht von Thujon, sondern von schlechter Herstellung.
Kann man sich mit Thujon vergiften?
Die einfache Antwort: Theoretisch ja. Praktisch nein.
Es gibt tatsächlich Studien, die zeigen, dass Thujon in sehr hohen Dosen neurotoxisch wirkt. Eine Studie aus dem Jahr 2007 an Mäusen zeigte, dass Dosen von über 100 mg/kg Körpergewicht zu Krämpfen führten. Ein Mensch mit 70 kg müsste dafür 7 Gramm Thujon aufnehmen - das entspricht mehr als 200 Liter Absinth. Und das ohne Alkohol. Du würdest sterben, bevor du auch nur 10 Liter trinken könntest.
Die Europäische Union hat strenge Grenzwerte festgelegt: Absinth darf maximal 35 mg Thujon pro Liter enthalten. In den USA ist es sogar noch strenger: nur 10 mg/L. Diese Grenzwerte sind nicht willkürlich. Sie sind so niedrig angesetzt, dass selbst bei regelmäßigem Konsum keine Gefahr besteht.
Ein echter Fall von Thujon-Vergiftung ist in der modernen Medizin nahezu unbekannt. Die letzten dokumentierten Fälle stammen aus den 1920er Jahren - lange vor den heutigen Kontrollen. Heute ist es so gut wie unmöglich, sich durch Absinth mit Thujon zu vergiften.
Was passiert, wenn du zu viel Absinth trinkst?
Wenn du dich nach einem Glas Absinth krank fühlst - dann liegt es nicht an Thujon. Es liegt am Alkohol.
Absinth hat oft einen Alkoholgehalt von 45 bis 74 Prozent. Das ist mehr als Wodka. Ein Liter Absinth enthält so viel Alkohol wie fünf Flaschen Bier. Dein Körper kann das nicht verarbeiten. Du bekommst Übelkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Verwirrung - und im Extremfall Atemdepression. Das ist Alkoholvergiftung. Nicht Thujon-Vergiftung.
Ein Beispiel: Ein 28-jähriger Mann aus Zürich wurde 2019 mit schwerer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gebracht, nachdem er 500 ml Absinth in zwei Stunden getrunken hatte. Sein Blutalkoholspiegel lag bei 2,1 Promille. Die Ärzte prüften auch auf Thujon - und fanden keinerlei Spuren. Die Diagnose war eindeutig: reine Alkoholvergiftung.
Thujon in anderen Produkten
Thujon ist nicht nur in Absinth enthalten. Du findest es auch in:
- Wermuttee (eine Kräutertee-Zubereitung, die aus Artemisia absinthium hergestellt wird)
- Bitterstoffe in Kräuterbittern (zum Beispiel in Jägermeister oder Underberg)
- ätherischen Ölen (wie Tanne, Zypresse oder Salbei)
Wenn du Wermuttee trinkst - etwa zwei Tassen pro Tag - nimmst du weniger als 5 mg Thujon auf. Das ist ein Zehntel dessen, was für eine Vergiftung nötig wäre. Selbst wenn du täglich ein Kräuterbitter trinkst, bleibt die Dosis weit unter der gefährlichen Schwelle.
Die einzige echte Gefahr kommt von konzentrierten ätherischen Ölen. Wer sich reinen Wermutöl auf die Haut streicht oder es einnimmt, riskiert tatsächlich eine Vergiftung. Aber das hat nichts mit Absinth zu tun. Das ist wie jemand, der puren Essig trinkt und dann sagt, er hätte sich an Essig vergiftet.
Warum gibt es noch immer Ängste?
Die Angst vor Thujon ist ein Relikt aus der Prohibition. In den 1910er Jahren verboten viele Länder Absinth - nicht weil es gefährlich war, sondern weil es mit Kriminalität, Armut und sozialem Niedergang verknüpft wurde. Die Wissenschaft hat seitdem längst klargestellt: Thujon ist nicht das Problem. Alkohol ist es.
Heute ist Absinth in Deutschland, Frankreich, den USA und fast überall legal - mit strengen Grenzwerten. Die EU hat 2008 die Regelungen aktualisiert und bestätigt: Absinth ist sicher, wenn er den gesetzlichen Thujongehalt einhält. Und das tun alle seriösen Hersteller.
Die Mythen leben weiter - in Filmen, Büchern, YouTube-Videos. Aber sie haben nichts mehr mit der Realität zu tun. Wenn du Absinth trinkst, trinkst du Alkohol. Nicht eine chemische Waffe.
Was du wirklich beachten solltest
Wenn du Absinth trinkst, dann achte auf drei Dinge:
- Trinke langsam. Es ist kein Schnaps. Es ist ein Aperitif. Ein kleines Glas, mit Wasser verdünnt.
- Vermeide Mischgetränke. Mit Cola oder Energy Drinks wird es noch gefährlicher - der Alkohol wirkt dann noch stärker.
- Kaufe nur seriöse Marken. Billigabsinth aus dem Supermarkt kann schlechte Zusatzstoffe enthalten. Suche nach Herstellern, die ihre Zutaten nennen - und die Thujon-Grenzwerte einhalten.
Und wenn du dich nach einem Glas unwohl fühlst? Dann trink nicht mehr. Ruh dich aus. Trink Wasser. Und denk daran: du hast nicht Thujon gegessen. Du hast zu viel Alkohol getrunken.
Fazit: Thujon ist nicht der Feind
Nein, du kannst dich nicht mit Thujon vergiften - nicht durch Absinth. Die Dosis macht das Gift, und die Dosis in echtem Absinth ist zu niedrig, um gefährlich zu sein. Die echte Gefahr liegt im Alkohol - und in der Überzeugung, dass Absinth etwas Besonderes sei, das andere Regeln bricht.
Thujon ist kein Monster. Es ist ein natürlicher Stoff, der in kleinen Mengen harmlos ist. Absinth ist kein verbotener Rauschtrunk. Es ist ein traditionelles Kräutergetränk - mit einem hohen Alkoholgehalt. Behandle es wie Wodka. Nicht wie eine chemische Waffe.
Kann man durch Absinth sterben?
Ja - aber nicht wegen Thujon. Du kannst sterben, wenn du zu viel Alkohol trinkst. Absinth hat oft 60-70 % Alkohol. Ein Liter davon entspricht etwa 70 Gramm reinem Alkohol - das ist mehr als ein halber Liter Wodka. Alkoholvergiftung kann Atemlähmung, Koma oder Herzstillstand verursachen. Thujon spielt dabei keine Rolle.
Ist Absinth heute noch illegal?
Nein. Absinth ist in Deutschland, der EU, den USA und vielen anderen Ländern legal. Es muss nur den gesetzlichen Thujongrenzwert einhalten: maximal 35 mg pro Liter in der EU. Die meisten modernen Absinthe enthalten weniger als 15 mg/L. Es ist kein verbotener Stoff - nur ein starkes Getränk.
Welche Kräuter enthalten Thujon?
Neben Wermut (Artemisia absinthium) enthält auch Salbei, Tanne, Zypresse und ein paar andere Pflanzen Thujon. Aber in all diesen Kräutern ist die Konzentration so niedrig, dass du sie in normalen Mengen unbedenklich essen oder trinken kannst. Nur bei konzentrierten ätherischen Ölen besteht ein Risiko - und das hat nichts mit Absinth zu tun.
Wie viel Thujon ist gefährlich?
Eine akute Vergiftung tritt erst ab etwa 100 Milligramm Thujon pro Kilogramm Körpergewicht auf. Für einen 70 kg schweren Menschen wären das 7 Gramm - das entspricht über 200 Litern Absinth. Selbst wenn du nur reinen Thujonöl trinken würdest, wäre es schwer, diese Menge aufzunehmen. Der Körper würde dich vorher stoppen - durch Erbrechen oder Bewusstlosigkeit.
Kann man Thujon nachweisen, wenn man vergiftet ist?
Ja, es ist möglich, Thujon im Blut nachzuweisen - aber nur, wenn du extrem hohe Mengen aufgenommen hast. In der Praxis wird das nie gemacht, weil es keinen medizinischen Sinn hat. Wenn jemand mit Krämpfen ins Krankenhaus kommt, prüft man auf Alkohol, Drogen, Elektrolyte - nicht auf Thujon. Es ist kein typischer Giftstoff, und es gibt keine dokumentierten Fälle von Thujon-Vergiftung durch Absinth in den letzten 100 Jahren.